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Integration durch politische Partizipation

Dieses Forschungsprojekt untersucht, wie Personen mit syrischem Hintergrund in Deutschland politische und soziale Partizipation wahrnehmen und gestalten. Im Zentrum der Untersuchung steht die Frage, inwieweit sie am politischen und gesellschaftlichen Leben teilnehmen, wie sie Zugehörigkeit definieren und erleben, welche Herausforderungen sie dabei benennen und welchen Einfluss politische Partizipation auf das subjektive Zugehörigkeitsgefühl sowie auf Prozesse der sozialen Integration hat.

Forschungsdesign

Das Projekt basiert auf einem qualitativen Forschungsansatz und verwendet mehrere Erhebungsmethoden:
60 halbstrukturierte Interviews
20 mit nicht eingebürgerten syrischen Geflüchteten
40 mit Deutschen mit syrischem Migrationshintergrund
ethnografische Begleitung und Feldbeobachtung
Expert:inneninterviews mit Fachpersonen aus Politik, Recht und Integrationsarbeit
Produktion von drei Interviews mit vertieften Fallanalysen
Die Datenauswertung erfolgt mittels qualitativer und vergleichender Inhaltsanalyse im sozialwissenschaftlichen Rahmen.

Ergebnisse und Abschluss

Zum Abschluss des Projekts wird ein Dokumentarfilm produziert, der folgende Elemente zusammenführt:
zentrale Ergebnisse der Forschung
ausgewählte Interviewausschnitte
Alltagseinblicke der teilnehmenden Personen
analytische Beiträge von Expert:innen

Der Film wird im Rahmen einer öffentlichen Veranstaltung präsentiert und dient der Vermittlung wissenschaftlicher Erkenntnisse in gesellschaftlich zugänglicher Form.

Projektförderer :

Heute haben wir ein Interview mit Prof. Dr. Jochen Oltmer, Migrationsforscher an der Universität Osnabrück, geführt. Wir haben mit ihm viele Themen diskutiert und dabei wertvolle Einblicke und Analysen erhalten. Im Zentrum stand besonders der Begriff ,,Flüchtling“ aus seiner Perspektive: wie dieser das öffentliche Leben, das Zugehörigkeitsgefühl und die politische Teilhabe prägt.

Für unsere Forschung und den Dokumentarfilm, an dem wir arbeiten, haben wir Syrien besucht, um die tieferliegenden Ursachen der Angst zu untersuchen, die das Assad-Regime im Bewusstsein des syrischen Volkes verankert hat. Es hat sich gezeigt, dass willkürliche Verhaftungen, Folter bis zum Tod in Gefängnissen und politische Attentate keine vereinzelten Praktiken waren, sondern Teil einer bewussten Strategie, die darauf abzielte, Angst als kollektives Gedächtnis zu verankern, das von allen weitergetragen wird. Geschichten über Verhaftete und Verschwundene sowie Berichte über Folter sickerten in die syrische Gesellschaft ein und wurden zu einer permanenten psychischen Abschreckung.

Darüber hinaus spielten die Spitzel, die an jeder Ecke der Gesellschaft präsent waren, eine zentrale Rolle bei der Verfestigung dieses Schreckens. Das allgemeine Misstrauen zwischen den Menschen wurde zur Regel und erzeugte ein ständiges Gefühl von Überwachung und Bedrohung. Hinzu kam der wahllose Beschuss von Städten und Dörfern, der nicht zwischen Zivilisten und Militärs unterschied und einen Zustand permanenter Angst und kollektiver Verzweiflung hervorrief.

All diese Faktoren zusammen haben ein tiefes psychisches und soziales Trauma hervorgebracht, das die meisten syrischen Geflüchteten mit nach Deutschland gebracht haben. Selbst mehr als zehn Jahre nach ihrer Flucht, ja sogar nachdem viele von ihnen die deutsche Staatsbürgerschaft erhalten haben, bleibt diese tief verwurzelte Angst eine schwer überwindbare Barriere in ihrem Alltag.

Diese Hintergründe bilden einen zentralen Schwerpunkt unseres Dokumentarfilms. Wir werden diese Ursachen detailliert darstellen, zusammen mit weiteren zusätzlichen Gründen, um zu verstehen, wie sich die Erfahrungen der Angst in Syrien in eine langfristige Last verwandelt haben, die Geflüchtete in Deutschland bis heute begleitet – und die zugleich ein Hindernis für ihre politische Teilhabe darstellt.

Interview mit Nadia Al-Masalkhi, einer US-amerikanischen Promovierenden der Soziologie mit syrischen Wurzeln an der University of California, Berkeley (UC Berkeley). Sie ist auf die Erforschung des politischen Transnationalismus nahöstlicher Diasporagemeinschaften spezialisiert, insbesondere der syrischen und libanesischen Diaspora.Sie spricht über Angst als eine Erfahrung, die Grenzen überschreitet und Individuen auch nach der Migration sowie trotz veränderter rechtlicher und politischer Kontexte begleitet.Im Rahmen dieses Projekts entwickeln wir eine Forschungshypothese, die davon ausgeht, dass Angst, die sich historisch durch Repression akkumuliert hat, nicht automatisch verschwindet selbst nicht bei Syrerinnen und Syrern mit westlichen Staatsbürgerschaften. Vielmehr kann sie zu einer Erosion des Vertrauens innerhalb der syrischen Gemeinschaften führen und in der Folge zu einem Vertrauensverlust gegenüber dem politischen Feld und öffentlichen Institutionen.Diese Dynamik führt zu einer miteinander verknüpften Kette:Angst ⟶ Misstrauen ⟶ geringe politische Partizipation ⟶ fehlende Repräsentation ⟶ Reproduktion sozialer Ungleichheit.Das Interview zeigt auf, wie sich Angst von einer individuellen Erfahrung zu einer sozial-politischen Struktur transformiert, die Verhalten, Schweigen und Rückzug prägt selbst innerhalb demokratischer Gesellschaften, die eigentlich als sicher gelten sollten.